Artikel

Ruhe in Frieden – Denkmäler in Spielen

Die Community ist das Herz jedes Online-Spiels. Durch die Zeit, die man für gewöhnlich mit anderen Spielern in den Welten verbringt, entstehen nicht selten Freundschaften, die über das Spiel hinaus gehen. Doch was passiert, wenn Persönlichkeiten durch traurige Umstände, aus ihrer Community gerissen werden? Steffi hat sich angeschaut, wie Menschen durch Denkmäler in Spielen geehrt werden.

Ich stehe auf dem sandigen Planeten Vulkan. Vor mir: eine Statue. Auf ihrem Sockel die Aufschrift „Live long and prosper“. Um mich herum eine große Menschenansammlung, die mit mir zu dem Mann aus Polygonen aufsieht. Es handelt sich um niemand anderen als Leonard Nimoy, den Schauspieler von Spock aus Star Trek, der Anfang 2015 verstorben ist. Nicht nur in der Realität wurde um ihn getrauert, auch in Star Trek Online gewährten die Entwickler ihm einen würdevollen Abschied; gleich zwei Denkmäler zieren die virtuellen unendlichen Weiten, die jeder von überall auf der Welt mit wenigen Mausklicken besuchen kann. Star Trek Online ist mit diesem Schritt der virtuellen Bestattung aber bei Weitem nicht alleine – viele andere Spiele, auch im Singleplayer, beherbergen Denkmäler zum Erinnern an verstorbene Personen (berühmte wie auch „normale“ Spieler).

Quelle
Quelle

Neue Formen des Abschieds

Lange Zeit lag die Bestattung der Toten im Bereich religiöser Institutionen. Doch mit zunehmender Abwendung vom Glauben und der übermäßigen Individualisierung tauchen mittlerweile neue Formen des Abschieds auf, die mehr mit den einzelnen Vorlieben des Verstorbenen verbunden sind. So ist es auch keine Seltenheit mehr, in einer Online-Welt, die stark auf soziale Interaktion baut, eine letzte Würdigung von Mitspielern zu erhalten.

Durch Petitionen, Aufrufe über Reddit, E-Mails an die Entwickler oder per Twitter veranstaltete Events: Es gibt vielerlei Möglichkeiten, den Wunsch nach der Ingame-Ehrung eines Verstorbenen auszudrücken. Dabei variieren die Formen der Denkmäler. Statuen sind das klassische Beispiel, es werden aber auch NPCs kreiert, Items geschaffen, Quests geschrieben oder Namen vergeben, die etwas mit der verstorbenen Person zu tun haben. Auch einfache Gedenkfeiern finden statt, bei denen Screenshots und/oder Videos als Art Gedenkstein dienen. In Final Fantasy XIV: A Realm Reborn beispielsweise haben Redditors nach Absprache ein Treffen für einen toten Mitspieler abgehalten, für das die Game Masters sogar das Ingame-Wetter geändert haben. Das Schöne daran ist, dass bei diesem Akt der Gemeinschaft, in der Trauernde zu einer Feier aufrufen, auch Fremde willkommen sind.

Über die Verstorbenen erfährt man je nach Art der Widmung viel oder wenig. Während Gräber kaum Informationen geben und man manche gar nicht als Gedenkstätten erkennt, spiegeln NPCs immerhin die Avatare der Toten wider. Es ist fast so, als schleuse man das Aussehen eines Menschen (oder seines Avatars) in ein Hologramm mit vorgefertigten Gesten. Hier hat man auch etwas Ähnliches wie den Uncanny Valley wieder: wenn man herausfindet, dass der NPC eine verstorbene Person darstellen soll, ist das irgendwie unheimlich – der NPC benimmt sich, als sei er lebendig, aber er wirkt einfach tot. Quests dagegen können dem Spieler einen besseren Einblick in die Welt des Verstorbenen geben. Sie dienen gut zum Erzählen und bieten viel Platz für Sprache.

Hongyu Wu – Overwatch

Auf der Map Lijang Tower bei den Raumanzügen in Overwatch kann man ein Denkmal finden. Einer der Kleidungsstück davon trägt den Namen Hongyu Wu. Es ist nach einem begeisterten Overwatch-Fan benannt, der seine Vorfreude auf das Spiel im Internet geteilt hat, noch ehe das Spiel auf dem Markt erschienen ist. Doch kurz bevor er den Release miterleben konnte starb er, nachdem er den Dieb des Motorrads eines Klassenkameraden verfolgt hatte. Der Dieb wurde gefasst, allerdings auf hohe Kosten von Wus Leben. Die Entwickler entschieden sich dazu, ihm ein Denkmal zu widmen. Die Worte gleich über dem Anzug an der Wand lauten: „Heroes never die“, Mercys Catchphrase.

Quelle
Quelle

Iceland Monument – EVE Online

Auch mehreren Personen kann in Bezug auf Spielen ein Denkmal gesetzt werden – und das sogar in der wirklichen Welt. So wurde für EVE Online ein Monument auf Island errichtet, das versehen ist mit den Namen aller zur Zeit der Errichtung aktiven Spieler. Da das Spiel davon lebt, von der Community getragen zu werden und nur durch sie komplexe Geschichten entstehen, scheint es nur gerecht, jedem einzelnen die Ehre zu erweisen. Wer sich nicht auf die Reisen nach Island machen will, kann ganz einfach online nach seinem Namen suchen.

Quelle
Quelle

Vile Rat – EVE Online

Ein weiteres Gedenken in EVE Online gilt Vile Rat. Der unter diesem Nickname bekannte Spieler Sean Smith hat hauptberuflich im Auswärtigen Dienst gearbeitet. Nebenher schmückte ihn das Amt eines Mitglieds im Council of Stellar Management in EVE Online. Als erfahrener Spieler und Diplomat („Even if you were an enemy he would be willing to talk to you and would be very friendly“ – Alex Gianturco, EVE Online Spieler und Freund von Smith) übte er großen Einfluss auf die Spielerschaft und das Spiel aus – bis heute.  Bei einem Angriff in Benghazi in Libyen starb Smith 2012. Ihm wurde ein Denkmal durch eine Gedenkfeier gesetzt, bei der der Schriftzug „RIP Vile Rat“ zu Ehren Smiths in die Luft geschossen wird. Für mehr ausführliche Information hilft Kotaku weiter.

Quelle
Quelle

Erik the Slayer – Elder Scrolls 5 Skyrim

Erik the Slayer, ein NPC aus Skyrim, ist angelehnt an Erik West, einem Spieler, der online als Immok the Slayer bekannt war. Über die Make-A-Wish-Foundation hatte West das Entwicklerstudio besucht. Als West ein halbes Jahr vor dem Release von Skyrim 2011 verstarb, entschied Bethesda sich, ihn im Spiel als NPC zu verewigen – dort kann man eine Quest mit ihm abschließen und ihn letztendlich als Follower auf die eisige Reise mitnehmen.

erik-the-slayer

Unknown Soldier – World of Warcraft

World of Warcraft zählt zu den Spielen, die am meisten mit Gedenkstätten gespickt sind, wobei eine interessanter ist als die andere. Wen die Orte interessieren, an denen sie zu finden sind, der möge sich hier austoben.
Der Unknown Soldier zum Beispiel ist ein NPC aus dem MMORPG, der sich irgendwo in Duskwood vor den Sarg an einem verdächtig nach Ruhestätte aussehenden Ort kniet. Doch dieser Anblick ist sehr selten, der Unknown Soldier spawnt nicht häufig. Flankiert wird der Sarg von zwei riesenhaften Steinwächtern, die eine bedrohliche, aber gleichzeitig beschützende Ausstrahlung haben. Gewidmet wird das Grab vermutlich Soldaten, die in ihrer Dienstzeit im Krieg gefallen sind – auch in der Realität findet man viele solcher Gedenkstätten.

Quelle
Quelle

Shrine of the Fallen Warrior – World of Warcraft

Der Shrine of the Fallen Warrior aus WoW ist ein Denkmal für den 19-jährigen, plötzlich verstorbenen Blizzard-Mitarbeiter Michel Koiter. Zusammen mit seinem Zwillingsbruder hat er als Artist seinen Pinsel geschwungen. Sein Bruder verfasste sogar ein Gedicht zum Gedenken an ihn. Behütet von einem Spirit Healer liegt eine Kopie des Avatars von Koiter auf dem Schrein, in dem die Initialen MK eingelassen sind. Koiter wurde sogar ein Denkmal auf der Website der Blizzard Artists gewidmet. „Fallen Warrior“ … Ich persönlich hatte anfangs angenommen, es handelte sich um einen in der Spielwelt existierenden Soldaten, der für seine heldenhaften Taten durch ein Monument geehrt wird, doch ich wurde überrascht. Es ist wirklich faszinierend zu sehen, wie jemand auf die Stufe eines Kriegers gehoben wird – ein Krieger, der Koiter ingame ja auch war.

Quelle
Quelle

Lon’li Guju – World of Warcraft

Nicht nur Menschen werden Denkmäler gesetzt. Lon’li Guju, eine fliegende NPC-Schildkröte aus WoW, dient als Erinnerung an die letzte Pinta Island Schildkröte Lonesome George. Ihr Tod bedeutete das Aussterben der Tierart. An dem Verschwinden der Schildkröten kann diese Widmung nichts ändern, aber sie steht als (wenn auch verstecktes) Zeichen in der virtuellen Welt zum Erinnern an die Tiere. 

Quelle
Quelle

Kyle’s Gone Missing – World of Warcraft

Kyle’s Gone Missing ist eine Quest aus WoW, in der es darum geht, den Hund des NPCs Ahab wiederzufinden. Angelehnt ist Ahab an Ezra Phoenix Chatterton, einem WoW-Spieler, der viel Zeit mit seinem Vater in den Weiten des Warcraft-Universums verbracht hat. Wie Erik West hat Chatterton bei der Make-A-Wish-Foundation teilgenommen, woraufhin er Blizzards Entwicklerstudio besuchen durfte. Dabei kreierte er Kyle’s Gone Missing, vertonte Ahab und benannte den Hund nach seinem eigenen. Gestorben ist Chatterton im darauffolgenden Jahr an Krebs – seine Stimme leiht er aber bis heute dem virtuellen Tauren.

Quelle
Quelle

Im Herzen der Community

Viele Spieler, denen beispielsweise in WoW ein Denkmal gewidmet wurde, haben ihr ganzes Herzblut in das Spiel gesteckt, sie haben darin gelebt – nicht nur für sich selbst, auch für andere in den Gilden. Es ist ein schöner Gedanke, selbst in einer virtuellen Welt, die ich gern habe, so liebevoll verabschiedet und digital in Erinnerung behalten zu werden. Ein auf dem Friedhof angelegtes Grab wird irgendwann vernachlässigt und in Vergessenheit geraten – und außerhalb des Bekanntenkreises kaum beachtet. Ein Memorial im Spiel dagegen bleibt und wird nicht so schnell vergessen.

Ich habe viele Kommentare gelesen, die besonders virtuelle Gedenkfeiern in MMOs kritisiert haben. Es wurden Vorwürfe gemacht, weshalb sich nur so wenig Mühe gegeben wurde für einen offenbar guten Freund; statt dem Besuch der Beerdigung der Realität nur ein Gedenken in der Pixelwelt. Meine Meinung dazu: Viele Spieler haben einfach nicht das Geld, um die halbe Welt zu bereisen. Sie sind froh, ihrem Mitspieler immerhin virtuell eine würdevolle Verabschiedung zu widmen. In einer Welt, in der der Verstorbene sich wohl gefühlt hat. Wer setzt überhaupt den Standard, dass „reale“ Beerdigungen besser, wichtiger und echter sind als virtuelle? Menschen, die so stark in ein Spiel eintauchen, sind mit Sicherheit sehr dankbar für eine virtuelle Gedenkfeier. Eine Beerdigung auf dem Friedhof ist eine Sache – aber in einem Spiel, das weltweit gespielt wird, für immer im digitalen Gedächtnis in Ehre weiterzuleben, eine ganz andere.

Einklappen
Weiterlesen
18

für diesen Artikel danken

Robert Yang Teil VI: Das Interview
S03E01: Michael Cherdchupan über Ōkami

Jetzt bist du dran!

Schreib uns doch, was du "Ruhe in Frieden – Denkmäler in Spielen" zu sagen hast.