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Mein Final Fantasy 7-Trauma

13. April 2017
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Wenn man 13 Jahre alt ist, ist man noch dumm. Die Welt um einen herum blinkt, leuchtet, quietscht, und man kann sich innerhalb weniger Sekunden für so ziemlich alles begeistern.
Das nutzen Fernsehen, Radio und – in meinem Fall – Games Magazine natürlich kräftig aus.
So kam es auch, dass mein 13 Jähriges, damaliges Ich, sich dafür entschied, sich ohne große Vorabrecherchen „Final Fantasy 7 – Crisis Core“ für die PSP anzuschaffen. Die Screenshots sahen cool aus, der Hauptcharakter „Zack“ hatte ein geiles Schwert, und irgendwie war es ein 3D Action Adventure, sodass es, Hand aufs Herz, schon mal besser als 90% der restlichen PSP-Spiele-Flaute war. Außerdem war es ab 12 Jahren freigegeben, also musste ich nicht wieder den großen Bruder meines besten Freundes anbetteln, seine Pflicht und Moral als erwachsener Mensch in die Tonne zu treten. Also ab in den Gamestop, 40€ gezückt, und heim damit.

Akt 1: Die Begeisterung

Glücklicherweise war ich damals ein kleines gieriges Biest, das natürlich direkt daheim das Spiel ausprobiert hat. Und siehe da: Tatsächlich machte es extrem Spaß! Das Gameplay war eingängig und spaßig, ohne dabei zu viel an Komplexität zu opfern. Damit war es, wenn man das sperrige Button Layout eines Handheld berücksichtigt, schon alleine deswegen eine echte Leistung der Entwickler. Doch damit nicht genug: Die Geschichte rund um „Zack“ und seinen Freund „Cloud“, von dem ich bis dato nur wusste, dass er der wohl hässlichste Polygon Charakter in einem legendären 3D-Videospiel gewesen sein muss, thematisierte Dinge, die mir ein „Pokemon“ oder „Mario“ bis dato nicht geboten hatten: Es ging um Liebe, Verrat, Politik, ja sogar Umweltzerstörung, Magie, Freundschaft und Wahnsinn. Die über 20 Stunden, die ich mit dem Spiel verbrachte, das mich immer wieder mit verdammt guten CGI Sequenzen belohnte und anspornte, gingen tief ins Herz. Bis heute erinnere ich mich an den legendären Kampf mit Sephiroth zu Beginn seines Wahnsinns. Bis heute erinnere ich mich daran, wie sehr ich Aerith dafür geliebt habe, in einer fürchterlich schmutzigen und dunklen Alptraum Stadt das einzige Gute, das Licht, das metaphorische Final Fantasy Inn zu sein. Und bis heute erinnere ich mich daran, wie knapp ich damals Kämpfe gewann und verlor, wie spannend diese gestaltet wurden, und wie eindringlich die Musik das alles untermalte. Da fehlte wirklich nur noch eins: Ein geniales Ende.

Akt 2: Der Schock

Und genau hier beginnt mein damals vermutlich erster Knacks in meiner Psyche. Ich möchte nun an alle Jugendlichen und an die vier Erwachsenen, die das originale FF7 noch nicht gespielt haben, eine Spoiler-Warnung aussprechen.

Am Ende des Spiels steckt Zack ziemlich tief drin: Seine eigene Regierung hat eine ganze Armee zu seiner Tötung beordert, die ihn unaufhörlich jagt. Und als wäre das nicht genug, hat er auch noch Halb-Leiche Cloud dabei, der zuvor schlimm verwundet wurde. So kämpft sich Zack durch zahlreiche Areale, säubert sie, und schleppt anschließend noch seinen verwundeten Freund durch die Levels.
Doch dann gibt es keinen Ausweg mehr. Zack versteckt den bewusstlosen Cloud und stellt sich den Tausenden an Soldaten zum finalen Kampf.

Und wie er kämpft. Über eine gefühlte Ewigkeit weicht er Kugeln aus, mäht Soldaten nieder und zerstört Roboter. Langsam verschwimmt der Bildschirm, bestimmte Tasteneingaben werden nicht mehr rechtzeitig angenommen, er schlägt zu langsam, aber die Gegnerwellen kommen unaufhörlich weiter. Im Hintergrund sehe ich Soldaten mit Raketenwerfern, die das Feuer eröffnen. Der Bildschirm leuchtet erst gelb, dann rot, dann blinkt er, überall steht „Danger“ und Sirenen ertönen. Irgendwann wird der Bildschirm weiß.

In der darauffolgenden Sequenz sieht man drei Soldaten und ein Helikopter, die auf Zack zugehen, der sichtlich in Mitleidenschaft gezogen wurde. Er ist angeschossen und kann sein Schwert kaum noch halten. Und doch wird der Spieler dann in einen Kampf mit diesen drei Soldaten geworfen, den er aber verliert. Zack humpelt, er kann den Kugeln nicht mehr richtig ausweichen, er schlägt fast bemitleidenswert langsam. Das HUD bricht in dieser Sequenz fast völlig auseinander und endet schließlich in einer brutalen Sequenz, die Zack aus der Ego-Perspektive zeigt – Yey.
Man beobachtet zuerst, wie Zack im Kugelhagel der Soldaten zerschreddert wird und zu Boden geht. Der Charakter, mit dem man sich über 20 Stunden angefreundet und identifiziert hat, stöhnt, ist schwer verletzt, leidet. Dann kommt ein Soldat mit gezogener Waffe auf ihn zu, hält ihm die Pistole vors Gesicht. Und schießt.
Was folgt, ist die Abschlusssequenz des Spiels, diesmal wieder in gewohnt fantastischer Square Enix-Qualität. Man sieht ein regen-, schlamm- und vor allem blutdurchzogenes Schlachtfeld. Irgendwo zwischen Soldatenhelmen und Schwertern liegt Zack – blutüberströmt und fast tot.

Sein Kumpel Cloud, der meiner damaligen Meinung nach so in etwa der beschissenste Typ aller Zeiten gewesen sein muss, wacht zufällig auf, und kriecht aus seinem Versteck bis zum sterbenden Helden hin. Mit ein paar letzten, total dramatischen Worten überreicht Zack Cloud sein – mittlerweile ikonisches – Schwert. Noch bevor Cloud begriffen hat, was er da in der Hand hält, rutscht die Hand ab und Zack stirbt mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Ein Lächeln, das vor lauter Blut und Einschusslöchern schon fast zynisch wirkt.

Akt 3: Das Trauma

Dafür war mein 13-Jähriges Ich nicht bereit. Man muss das verstehen: Ich hatte als Kind mit der Wäsche in der Waschmaschine Mitleid, weil ich Angst hatte, dass ihr da drinnen schlecht wird. Wenn ich mir ein Spiel gekauft habe, dass ich aufgrund meines Alters eigentlich gar nicht spielen durfte, habe ich mir die zensierte Version gekauft und bei schlimmen Szenen meine Augen zugehalten. Der dramatischste Plottwist, den ich davor kannte, war, dass man bei Pokemon den Erzrivalen nach den Top 4 bekämpfen musste. Ich war schlicht zu unschuldig, um das zu verkraften.

Zutiefst traumatisiert kroch ich also in den Gamestop zurück, um den Horrorstreifen ab 12 Jahren zurückzugeben. „Willst du dafür vielleicht gleich was anderes mitnehmen?“, fragte mich der freundlich inkompetente Gamestop Mitarbeiter. Ich schüttelte den Kopf und verließ das Geschäft, kroch mich daheim ein und habe danach lange kein Videospiel mehr angerührt.

In dem Sinne, Danke USK!

Geschrieben von Imanuel Thiele

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