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Never Alone – eine spirituelle Reise

Geschichte erleben, Geschichte hören, Geschichte werden – in Never Alone folgt der Spieler einer Erzählung der Iñupiat, einem indigenen Volk im Nordwesten des nordamerikanischen Kontinents, in der er mit zwei Charakteren die Ursache für die andauernden Blizzards sucht. Was wie ein Spiel für zwischendurch, oder gar für Kinder klingt, entpuppt sich als tiefgründiges Erlebnis, das einen zumindest für die Zeit des Spielens die Welt mit anderen Augen sehen lässt.

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Kisima Inŋitchuŋa (Iñupiak für Never Alone)

Der Steam-Sale hat mich dazu gebracht, für den studentenfreundlichen Preis von unter 5€, Never Alone zusammen mit dem DLC Foxtales und dem Soundtrack zu kaufen. Auf der Wunschliste war der Titel schon seitdem ich Valiant Hearts gespielt habe – dazu vielleicht an anderer Stelle noch einmal mehr – und ich mich mit dem Gedanken eines animalischen Begleiters damals auf einmal anfreunden konnte. Verglichen mit den K.I.-Hunden aus Call of Duty, ist jedoch die Steuerung hier in der Hand des Spielers oder wahlweise eines zweiten Spielers. Da meine Mitbewohnerin heute aber fröhlich prokrastiniert hat, war es also an mir mich mit der Steuerung der Protagonistin, Nuna, und ihres Begleiters, einem arktischen Fuchs, auseinanderzusetzen. Ich habe mich vorher nicht weiter mit dem Spiel beschäftigt und wollte einfach mal sehen was auf mich zukommen würde.

Ich erwartete: ein kurzweiliges Jump’n’Run Game.

Ich hoffte: auf eine gute Story.

Ich bekam: neue Einblicke und einige feels.

Kopfüber in eine andere Welt

Ein erster Schockmoment, der mir einen kalten Schauer über den Rücken laufen lässt, überkommt mich noch vor dem Hauptmenü: „Powered by Unity“. Mein Frühstück meldet sich plötzlich wieder und mir wird warm… diese Engine hat mir letztes Semester so viele schlaflose Nächte bereitet, dass mit einem Mal alles wieder da ist. Die Wut, die Verzweiflung, der Hass. Aber halt. Nein! Ich will mich nicht schon jetzt so negativ beeinflussen lassen – und nachdem ich diesen kurzen Moment überstanden habe, werde ich auch direkt von einem atmosphärisch wirkenden Hauptmenü begrüßt. Das beständige Schneetreiben, dass mich sowohl visuell als auch mit Sound wie hypnotisiert, wird von sanften musikalischen Klängen untermalt. Zu sehen ist nahezu nichts, aber gerade dieses „nichts“ versetzt mich in die richtige Stimmung. Es ist Nacht, kalt, dunkel, keine Sterne am Himmel. Die Sicht ist unscharf und oberhalb der sehr schlicht gehaltenen Untermenüs erscheint der Titel… oder besser gesagt: wechseln sich die Titel ab. Ich lege die Stirn in Falten und versuche mehrfach Kisima Inŋitchuŋa auszusprechen, scheitere aber beim ersten „ŋ“,  ehe mich das Spiel erlöst und der Titel wieder zu Never Alone wechselt.

Draußen ist nass-kaltes graues Novemberwetter und die Stimmung die mir durch den Startbildschirm vermittelt wird verstärkt diese beklemmende Gefühl von Kälte und dem Bedürfnis nach einem prasselnden Kaminfeuer. Unterbewusst tragen mich meine Beine noch mal in die Küche. Eine Kanne Tee, ein Stück Baumkuchen (hey, immerhin ist das erste Adventswochenende, da darf man das) und bevor ich mich wieder vor den PC setze, zieh ich mir noch Kuschelsocken an, trotz der 22,6 °C in meinem Zimmer. Mit dem dampfend heißen „Sternenglanz“-Tee in der Tasse neben mir, drücke ich auf „Play“.

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Gameplay als Immersion des Erzählten

„Unlockabale Cultural Insights“ – hm, kann man sich ja mal anschauen, eigentlich wollte ich zocken. Diese kurzen Videosequenzen, in denen man nach und nach mehr über das Land, das Volk der Iñupiat, ihre Traditionen, ihr Leben und ihre Ansichten erfährt, werden für mich zum tragenden Bestandteil des Spiels. Ab einem gewissen Punkt fiebere ich dem nächsten Hinweis, dass ich ein neues „Cultural Insight“-Video freigeschalten habe, mehr entgegen als dem, was im Spiel als nächstes passiert. Die Videos sind vollgepackt mit Informationen, die Sprecher wirken authentisch und nach dem zweiten oder dritten Video merke ich, dass mich das was ich hier erfahre, auf den nächsten Abschnitt im Spiel vorbereitet. Ich spiele also das nach, was ich gerade von den Iñupiat selbst erfahren habe. Die Vermischung von echten Aufnahmen, Concept-Art des Spiels und ingame-Footage, lässt mich während den Videos kaum eine Sekunde blinzeln – ich will mehr erfahren. Warum habe ich bislang kein eigenständiges Interesse an dieser Kultur gehabt? Natürlich hab ich irgendwann mal ne N24 Doku über die Robbenjagd gesehen, aber plötzlich habe ich das Gefühl, dass mir eine völlig neue Welt offenbart wird. Eine harmonische Welt, in der die Gemeinschaft und deren Zusammenhalt die höchsten Güter sind. Die Welt, mit allem darin, wird respektvoll behandelt, gejagt wird um zu überleben. Ich habe das Gefühl eine Dokumentation gekauft zu haben, die mich durch das Gameplay das Gehörte selbst erleben lassen möchte.

Sowohl die Videosequenzen als auch das Gameplay bauen den Spannungsbogen immer weiter auf. Gestützt wird die Authentizität dadurch, dass das Spiel teilweise von einem Sprecher begleitend kommentiert wird. Ich bin auf den Untertitel angewiesen, da mein Iñupiak äußerst schlecht ist. Außerdem gibt es für neue Abschnitte im Spiel einleitende Art-Sequenzen die im Stil der Scrimshaw gezeichnet sind. Mein Gefühl sagt mir, dass ich auf der Suche nach etwas wirklich Bedeutsamen und Einmaligen bin, dass das, was ich hier gerade erlebe, etwas sehr Nachhaltiges ist.

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Zunächst noch ohne meinen Begleiter und unbewaffnet, lasse ich Nuna die verschneite Welt erkunden. Mein Tee leert sich schnell und die Prokrastinationsgeräusche meiner Mitbewohnerin fangen an mich zu nerven, so dass ich meine Zimmertür schließe. Der Soundtrack zieht mich tiefer und tiefer in die verschneite Eislandschaft und jedes Video lässt mich gespannt weiterspielen. Siḷa – alles was sich zwischen der Erde und dem Himmel befindet wird mir vorgestellt und ich treffe das erste Mal auf die spirituellen Wesen, die auf meinen tierischen Begleiter reagieren. Die Erde und alles in ihr lebt, alles hat eine Seele und wir alle reagieren aufeinander – die romantische Vorstellung, dass es wirklich so sein könnte, ergreift von mir Besitz und als mir nach einem bestimmen Punkt im Spiel ein weitere Video erklärt, dass Tiere sich Menschen gegenüber wahlweise in ihrer animalischen oder aber auch humanen Form zeigen können, trifft mich der feels train hart.

Meine emotionale Reise wird durch einige Stellen im Spiel eher gestört, da ich – Unity sei Dank – in Wände glitche oder in der Luft bugge und dann sterbe. Stirbt der Begleiter weint Nuna. Stirbt Nuna sackt ihr Begleiter trauernd zu Boden. Der stetig steigende, aber immer zu bewältigende, Schwierigkeitsgrad der Rätsel und Aufgaben, fordert schnelle Reaktion, da man gegen Ende zügig zwischen der Protagonistin und deren Begleiter wechseln muss.  Zusammen mit der sich nähernden Gefahr, dem Vorausschauen um sich auf die Hindernisse einzustellen und dem Untertitel – mein Iñupiak hat sich während des Spiels nicht verbessert – scheitere ich dann aber doch das ein oder andere Mal, da ich an dem kulturellen Aspekt mehr Interesse habe als an meinem Spiel.

Ende gut, alles gut?

Als mir dann zum Ende hin offenbart wird, dass ich gerade eine traditionell überlieferte Geschichte der Iñupiat, mit dem klangvollen Namen Kunuuksaayuka, nachgespielt habe, fühle ich eine Art Verbundenheit zu diesem Volk. Die Werte, die mir während meiner knapp 3-stündigen Reise durch die Nordarktis vermittelt wurden, scheinen alle vollkommen richtig und nachvollziehbar. Keinen einzigen Moment habe ich während des Spielens in Frage gestellt, ob Tiere tatsächlich in Menschenform erscheinen können, ob es spirituelle Wesen gibt die uns helfen können, ob Blizzards tatsächlich auf die Art und Weise entstehen wie es in der Iñupiat-Erzählung der Fall ist oder ob die Aurora Borealis tatsächlich aus verstorbenen Kindern bzw. deren Seelen besteht.

Das Spiel lässt mich mit einem angenehm warmen Gefühl in der Magengegend zurück (wobei das auch an der Kanne Tee liegen könnte, die ich währenddessen getrunken habe) und mit einem zufriedenen Lächeln sehe ich mir noch einmal alle freigeschalteten „Cultural Insights“ an. Stirnrunzelnd stelle ich fest, dass ich nicht alle freigeschalten habe und ärgere mich, dass mir Teile der Dokumentation verborgen bleiben – immerhin war das der wirklich interessante Part bei diesem Spiel. Jump’n’Run-Games gibt es noch und nöcher, wobei die meisten auf Action und Unterhaltung ausgelegt sind. Ich habe jedoch nicht das Gefühl, dass ich zu irgendeinem Zeitpunkt eben so ein Spiel gespielt habe. Vielmehr bin ich in eine mir völlig unbekannte Welt abgetaucht und habe eine völlig fremde Kultur kennengelernt.

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Never Alone vermittelt, wie der Titel bereits verkündet, dass man in dieser Welt niemals alleine ist. Die Dokumentation schafft ein grundlegendes Verständnis für die Wahrnehmung und Weltanschauung eines sehr naturverbundenen Volkes, ohne dabei zu urteilen. Ich selbst konnte mich sehr gut auf das Gehörte und Gesehene einlassen, habe das ein oder andere Tränchen vergossen und werde mich nach ein, zwei Tagen direkt an den DLC Foxtales setzen – gerade versuche ich aber noch das Erlebte zu verarbeiten und arbeite fleißig daran mein Iñupiak zu verbessern.

In diesem Sinne: Atira Tanya – Mein Name ist Tanya.

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